zum denken anregen:

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„Gabriele, geh auf deine Matte!“.pdf
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Kommentar zu Artikel aus der aktuellen Ausgabe von Psychologie heute.

 

Liebe Frau Heise,

 

ihr Bericht  in der Psychologie heute 05/2019 hat mich gleich so angekratzt, dass ich nun hier sitze und ihnen schreibe. Angekratzt nicht im Sinne von verärgert, sondern „oh je, so was macht Yoga?“

 

Seit 17 Jahren unterrichte ich Yoga und der Trend, der Yoga zum Lifestyle für die „ Reichen und Schönen“ macht, ist selbst mir nicht, in einer Kleinstadt lebend, unbekannt.

 

Doch in so einer Deutlichkeit die Auswirkungen zu lesen,  öffnet mir noch mal ganz neu die Augen und macht mir klar, wie wichtig unsere Verantwortung ist,  die wir als Yogalehrer haben.

 

Yoga zum Selbstzweck, Yoga zum Abnehmen, Yoga um effektiver arbeiten zu können usw…..all  das führt meiner Meinung weit weg vom eigentlichen Grundgedanken des Yogas und inflationiert die Philosphie die dahintersteht. 

 

Der klassische Yogaweg wird in 8 Stufen beschreiben.  Und schon in den ersten beiden Stufen wird von äußeren und inneren Disziplinen  gesprochen. Die anregen sich damit auseinanderzusetzen, nicht als Verhaltenscodex gesehen werden sollten, da es um einen Erfahrungsweg geht, der nicht allein intellektuell bestritten werden kann.

 

Wir reden hier  von Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, NichtStehlen, reiner Lebenswandel und Nichtbesitzergreifen, sowie von Reinheit, Sauberkeit, Zufriedenheit, Selbststudium und Hingabe.

 

Nun kann ich eine Regel daraus machen und sagen: Ich darf keine Tiere essen weil ich Yoga mache und gewaltlos lebe. Das ist einfach. Doch tiefer gehen mit der Frage: Bin ich wirklich in der Gewaltlosigkeit, wo verletzte ich , wo werde ich verletzt und mir am Ende dann  eingestehen muss, ich werde wohl immer wieder verletzten, auch wenn es nicht in meiner Absicht liegt. Da gehen wir in eine weit tiefere Dimension und gleichzeitig aber auch in die Realität des Lebens.

 

Setz  ich mich mit Zufriedenheit auseinander, wie oft werden wir unsere Unzufriedenheit erkennen in kleinen scheinbar banalen Bereichen. Z. B. wenn wir meinen wir müssen uns Wünsche erfüllen, weil es uns dann besser geht und ganz schnell kommt der nächste Wunsch und möchte vermeintliche Befriedigung schaffen usw……. Und schon sind wir in der Rolle des Konsumenten, der teilhat an der Umweltverschmutzung, Müllsteigerung, am Wirtschaftswachstum  usw.

 

Das sind nur zwei kleine Beispiele, die mich mit meinem Sein in der Welt in Resonanz  und  Reflektion bringen.

 

Dann erst folgt die dritte Stufe, die sich mit den Körperhaltungen auseinandersetzt, die leider  in den Hauptfokus der meisten Yogakurse geraten sind.  Mir wurde berichtet, dass Menschen nicht am Unterricht aufgrund ihrer Körperfülle teilnehmen durfte…….. da läuft  was gewaltig aus dem Ruder.

 

Ich sage: Yoga ist politisch! Yoga als Erfahrungsweg entwickelt eine innere Haltung. Eine Haltung die zum inneren Frieden führt, die in eine Verbindung zu mir führt. Eine Haltung die mehr und mehr Unterscheidungsfähigkeit einbringt, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Brauche ich, z. B. immer mehr Wachstum und Reichtum auf materieller Ebene? Wo ist mein Platz in der Welt und wo kann ich mich sinnvoll und global verantwortlich einbringen? In Verbindung mit mir, werde ich erkennen, dass Gemeinschaft trägt und gemeinschaftlich Dinge bewegt werden können, weil in der Verbundenheit Kraft entsteht.

 

All das kann ich über meinen Körper erfahren,  wenn ich erkenne, wie mich die Verbindung von meinem Atem, Körper und Geist  vital macht. Wenn ich erkenne wie ich aus einem Widerstand Kraft schöpfen kann. Wie gesunde Grenzen aus der Angst lösen können. Wie die Erkenntnis in der Stille wachsen kann, dass ich auch in der Einsamkeit getragen bin.  Da wären wir nun schon bei den weiteren Stufen des Yogawegs, die ich hier nicht weiter erläutern möchte.

 

Yoga sollte nie nur auf der Matte praktiziert werden,  sondern im Alltag. Das Üben auf der Matte sollte so ausgerichtet sein, dass wir Kraft für uns und unsere Gesellschaft schöpfen, um uns den Stürmen zu stellen. Jetzt und Hier!

 

Vielen herzlichen Dank für ihren Artikel, der mich aufgerüttelt hat.

 

Herzlicher Gruß

 

Margit Kreuzer